06.08.2009

Seit meiner Einschulung sind mittlerweile über 30 Jahre vergangen. Zu meiner Zeit wurden alle Kinder eingeschult, die im betreffenden Jahr bis zum 30. Juni das sechste Lebensjahr vollendet hatten. Natürlich gab es die Möglichkeit der Zurückstellung damals auch schon. Ich bin etwa zwei Monate vor dem seinerzeit geltenden Stichtag geboren. Dennoch haben mich meine Eltern erst ein Jahr später in die Schule geschickt. Aber auch damals wurde man nicht einfach so zurückgestellt. Man musste mit einer Lehrerin irgendwelche Tests machen, die ich auch ganz gut absolvierte. Trotzdem haben meine Eltern es geschafft, dass ich nicht eingeschult wurde. Obwohl sie das niemals zugeben würden, habe ich den Verdacht, dass hier auch ein sachfremder Grund eine Rolle gespielt hat. Durch meine Zurückstellung wurde es nämlich möglich mich in die gleiche Klasse wie meine (zehn Monate jüngere) Cousine zu schicken, die im gleichen Ort wohnte. Ab der 5. Klasse waren wir beide auf dem Gymnasium. Obwohl unser Jahrgang über 200 Schüler zählte, saßen wir beide wieder in der gleichen Klasse, was dann auch bis zur 11. Jahrgangsstufe andauerte. Erst im Kurssystem der Oberstufe in den Klassenstufen 12 und 13 trennten sich dann weitgehend unsere Wege. Bis dahin schrieben wir die gleichen Klassenarbeiten. So hatten wir immer ein familieninternes Benchmarking, bei dem ich fast immer etwas schlechter abschloss. Allerdings konnte man damals meine Faulheit auch kaum übertreffen und in Relation zum Aufwand war ich letztlich dann doch ein recht guter Schüler.

Vor etwas über einem Jahr standen wir vor der Entscheidung wann wir Philip einschulen sollten. Der Regelstichtag für die Einschulung wurde in den letzten Jahren immer weiter nach hinten verschoben. Mittlerweile werden bei uns in Baden-Württemberg alle Kinder eingeschult, die bis zum 30. September des betreffenden Jahres sechs Jahre alt werden. Philip ist ein paar Tage vor diesem Stichtag geboren. Er wäre letztes Jahr also bei der Einschulung mit dabei gewesen. Im Frühjahr 2008 sprachen wir mit den Erzieherinnen im Kindergarten. Sie waren alle der Meinung, dass es für Philip besser wäre noch ein Jahr zu warten. Für uns war dabei wichtig, eine Entscheidung zu treffen, die sich ausschließlich an Philips Wohl orientiert und die wir ihm gegenüber später auch einmal würden vertreten können.

Wir haben Philip dann zurückstellen lassen. Den Ausschlag gab neben der Einschätzung der Erzieherinnen der immer weiter nach hinten verschobene Einschulungsstichtag. Zu meiner Zeit noch hätte ein im September geborenes Kind erst nach Bestehen eines Eignungstests eingeschult werden können. Mittlerweile ist es umgekehrt. Jetzt muss man zum Gespräch vorreiten, um zurückgestellt zu werden. Die Gründe hierfür dürften sich weniger am Wohle des Kindes orientieren. In einem Land wie Deutschland, dem immer wieder seine langen Ausbildungszeiten vorgehalten werden, dürfte es schlicht und einfach darum gehen, die jungen Menschen ein Jahr früher ins Arbeitsleben zu schicken, um mehr Einnahmen zur Finanzierung der Staatsausgaben und der Rentner zu haben. Hinzu kommt, dass in Baden-Württemberg (wie in den meisten anderen Bundesländern auch) das Gymnasium von 13 auf 12 Jahre verkürzt wurde. Natürlich wissen wir heute noch nicht, ob Philip einmal ein Gymnasium besuchen wird. Sollte dies aber der Fall sein, muss er sich schon in der 9. Klasse mit mathematischen Aufgaben rumärgern, bei denen mir erst in der 10. Klasse der Durchblick gefehlt hat. Wie ich in Mathe die restlichen drei Jahre überleben konnte, ist mir noch heute ein Rätsel. Ich halte es grundsätzlich für sinnvoll, das Gymnasium von 13 auf 12 Jahre zu verkürzen. Nur müsste man dann auch entsprechend die Lehrpläne ausdünnen anstatt einfach den Stoff und die Stundenzahl zu verdichten. Die Kinder meiner Nachbarn, die in die Mittelstufe des Gymnasiums gehen, haben durch Nachmittagsschule, Hausaufgaben und Lernen auf Klausuren jedenfalls schon lange keine 40-Stunden-Woche mehr. Erstaunlicherweise gibt es wegen alledem relativ wenig Proteste, während im Hinblick auf die Rente mit 67 einen Riesenaufstand veranstaltet wird. Familien bzw. die Kinder selbst scheinen mittlerweile so eine kleine Gruppe zu sein, dass sie einfach keine ausreichende Lobby mehr haben. Hinzu kommt, dass alle unter 18jährigen gar nicht wählen dürfen, während es diese Einschränkung im Alter nicht gibt. Welche Gruppe am Ende wie viel Einfluss hat, ergibt sich daraus fast von selbst.

Das Thema ist insgesamt nicht einfach. Nächstes Jahr steht planmäßig die Einschulung von Pascal an. Auch er ist im September (also auch wieder kurz vor dem Stichtag) geboren. Bei Pascal tendieren wir auf Grund seiner Entwicklung aber eher zur Einschulung.

2 Kommentare zum Beitrag “Wann einschulen?”

  1. Wir haben bis zu dieser “Frage” noch ein paar Jährchen Zeit. Einerseits gut, denn ich muss mir keine
    Gedanken machen (jetzt). Andererseits, wer weiß ob bis dahin nicht alles noch schlimmer ist…

    Aber auch hier gilt wohl: wie man sich am wohlsten bei einer Sache fühlt, so ist es wohl am
    richtigsten.

  2. Ohja… da schreibst Du was. :/
    Auch wir haben noch Zeit, doch graut es uns auch schon vor Hannahs Schulzeit. Durch unsere Nachbarin bekommen wir das Leid ihrer Enkel mit und ich finde es einfach nur… zu schnell und nicht genau durchdacht. :roll: Vom Staat. Nicht von Euch. ;)
    Erwachsen werden müssen die Kinder früh genug. Das muss man nicht künstlich nach vorn ziehen.

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